Auf Schmetterlingsjagd in der Todeszone von Tschernobyl

Grosser Eisvogel, Limenitis populi, Weissrussland, Belarussia, CC-BY-SA-4.0, Martin Albrecht, Bolligen, Switzerland
Männchen des Grossen Eisvogels beim Saugen am Boden. Beim Besuch Mitte Juni konnten noch keine Weibchen beobachtet werden

Weissrussland (Belarus) ist nicht gerade ein klassisches Reiseziel für mitteleuropäische Entomologen. Abgelegen, politisch fragwürdig, touristisch wenig ergiebig und im Westen am ehesten noch mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Verbindung gebracht, findet man nicht viele Kollegen, die schon einmal dort waren. Dabei hat das Land für Schmetterlingskundler durchaus einiges zu bieten.

Erfreulicherweise hat der administrative Aufwand für die Reise nach Weissrussland drastisch abgenommen. Für Aufenthalte bis fünf Tage ist nun kein Visum mehr notwendig, jedenfalls bei Einreise über den Minsker Flughafen. Dorthin gibt es auch einige Direktverbindungen ab Genf, was die Anreise erleichtert.

Augenfalter Oeneis jutta, Weissrussland, Belarussia, CC-BY-SA-4.0, Martin Albrecht, Bolligen, Switzerland
Mitte Juni waren nur noch wenige abgeflogene Falter von Oeneis jutta anzutreffen. Die Tiere setzen sich gerne an die Stämme der Kiefern.

Aus privaten Gründen war ich schon mehrfach in die Hauptstadt Minsk gefahren, jedoch immer in der kalten Jahreszeit. Im vergangenen Juni ergab sich erstmals eine Gelegenheit, im Sommer hinzureisen und dabei einen Blick auf die Schmetterlingsfauna zu werfen. Dank freundlicher Unterstützung durch den einheimischen Experten Dr. Anatoli Kulak konnte ich ein fast unberührtes, mehrere Quadratkilometer grosses Hochmoor sowie ein Waldgebiet nahe Minsk erkunden. Ausbeute waren mehrere interessante Arten mit Verbreitungsschwerpunkt in Ost- und Nordeuropa, darunter der Grosse Eisvogel, Limenitis populi (Titelbild), und der Augenfalter Oeneis jutta.

Weissrussland, Belarussia, Waldgebiet, Habitat, bei Minsk, CC-BY-SA-4.0, Martin Albrecht, Bolligen, Switzerland
Waldgebiet nahe Minsk auf Sandboden. Der Grosse Eisvogel (Limenitis populi) war hier recht häufig, daneben flogen u.a. der Lilagold-Feuerfalter (Lycaena alciphron), der Östliche Scheckenfalter (Melitaea britomartis) oder das Fensterschwärmerchen (Thyris fenestrella).
Weissrussland, Belarussia, Wald-Hochmoor, Habitat, bei Minsk, CC-BY-SA-4.0, Martin Albrecht, Bolligen, Switzerland
Wald-Hochmoor südöstlich von Minsk (Naturschutzgebiet). Die Dimensionen (etwa 10 km2) und Unberührtheit sind im Vergleich zu Mitteleuropa beeindruckend. Hier fliegen die typischen Hochmoor-Arten, aber auch spezielle Arten wie Oeneis jutta. Mit den zahlreichen Kiefern ist das Gebiet sehr unübersichtlich, ohne einheimische Begleitung bzw. Navigationshilfe könnte man sich leicht verlaufen. Sehr zahlreich waren leider auch die Stechmücken unterwegs.